September 4, 2008 by silverblick
Sturm Gustav bedrohte die US-Küste, besonders der Bundesstaat Louisiana war betroffen. Man könnte sich jetzt natürlich darüber aufregen, dass die Zerstörungen nachrichtenmäßig ziemlich unter den Tisch fielen, da der arme Gustav im ständigen Vergleich mit seiner großen Schwester Katrina einfach nicht mithalten konnte. Doch darüber werde ich mich nicht aufregen. Parteipolitisch erregte der Tropensturm nämlich sehr viel mehr Aufsehen. Gustav kam schließlich pünktlich zum Parteitag der Republikaner. So galt es also in einer Art Katrina-Doublette all das zu tun, was die Bush-Regierung bei Katrina versäumt hatte: Aufmerksamkeit und Mitgefühl zeigen, größte Verwüstungen zu verhindern versuchen und Geld sammeln für die Opfer des Sturms. Dass sie sich dabei fast ausschließlich auf New Orleans konzentrierten, obwohl es ja, oh Wunder, noch ein paar mehr Städte gibt in Louisiana, lassen wir auch außen vor. Wahrscheinlich haben sie bloß den Song “Oh Susanna” gehört, da kommt ja wirklich nur New Orleans vor…
Und schon wurde nach Herzenslust politisiert. Gustav “could be an enourmous opportunity for Republicans”, bemerkte zum Beispiel Pat Buchanan, GOP. Carl Rove, ehemals Berater des Präsidenten, erklärte die Situation auf seine Art: “You can understand the desire of the politicians running for office to show empathy.” Ich sehe schon, es ist Zeit für wahre Gefühle. Darum wurde letztendlich nämlich auch das Programm des Parteitages zusammengekürzt und statt dessen Geld gesammelt. Eine große Geste. Zu diesem Thema lieferte vielleicht-bald-Präsident McCain einige Sätzchen ab, die ich gern mit einem unterdrückten Grinsen in den Raum stellen möchte…
“We have to do away with our party politics and we have to act as Americans.”
“This is just one of those moments in history where you have to put America first.”
Und, für unsere jungen Leser: “We take off our Republican hats and put on our American hats.”
Ich sage ja immer wieder: Differenzieren ist unglaublich wichtig. Nur eine Frage: Was ist denn jetzt eigentlich unter diesem Hut, egal welchem? Vielleicht will man es nicht wissen. ‘Und wie sieht so ein “unparteipolitisches” Gebärden aus?’, fragt man sich als nächstes. Na so zum Beispiel. Auftritt Gov. Ride Perry (GOP): “You’re seeing republican governors in, I think in republicans states doing a fabulous job of taking care of the citizens. That’s what we do.” Schön. Obwohl, eins muss man ihm lassen: Er hat sich zurückgehalten, da hätten noch mindestens zwei “republican”s reingepasst. Aber man kann den Herren ja nicht dafür verurteilen, vielleicht hat er einfach ein sehr zielsicheres Tourette-Syndrom.
Jedenfalls waren nicht alle einverstanden mit “America first”. Jason Jones von der Daily Show fand unter den in St. Paul beim Parteitag zurückgelassen Parteifreunden jemanden, der folgendes Statement vom Stapel ließ:
“I don’t understand why it is that all of a sudden you can’t tell the truth about Barack Obama because some people are getting rained on.”
Naja, man muss ja nicht alles verstehen, nicht wahr?
Schlagworte: GOP, Gustav, john mccain, Parteitag, Politisierung, Präsidentschaftswahl, Republikaner, St. Paul, Tropensturm, usa
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September 1, 2008 by silverblick
Heute tritt das Gesetz zum Einbürgerungstest in Kraft. Jeder, der einen deutschen Pass haben möchte, muss diesen Test bestehen. Aus 310 Fragen (10 davon zum betreffenden Bundesland) werden 33 ausgewählt, 17 müssen richtig beantwortet werden. Das ist also der umstrittene Einbürgerungstest. Ich denke, die Deutschen können sich glücklich schätzen, dass, sie ihn nicht bestehen müssen, sonst hätten wir RuckZuck einen Ausbürgerungstest.
Da müsste man eher Fragen zum Fernsehprogramm stellen, zum Beispiel die im berühmt-berüchtigten Erstwählercheck bewährte Frage: Was heißt GZSZ? Zu mehr reicht es wohl nicht. Sonst hätten wir in Deutschland bald nur noch Klugscheißer, Patrioten, Akademiker, alte Menschen und Quizfreunde. Wie schön.
Doch kommen wir zurück zum Test und werfen wir einen Blick auf die Fragen (diese akademische Wir-Form hat was für sich oder?). Wer nachlesen und seine Deutschigkeit (?) testen will, hier lang. Nach dem Lesen der Fragen bin ich mir sicherer denn je, dass in Deutschland nicht einmal die Hälfte der Leute diesen Test bestehen würden. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass ein Schüler nach der 10. Klasse Sozialkunde die besten Voraussetzungen hat.
Ein paar Beispiele: Frage 3: Deutschland ist ein Rechtsstaat. Was ist damit gemeint? Ich glaube, Politikwissenschaftler versuchen seit Jahren, das herauszufinden. Eine schwierige Frage also. Eine sehr schöne Frage auch Nummer 23: Wenn man in Deutschland ein bestimmtes Alter erreicht und aufhört zu arbeiten, was bekommt man dann meistens? Ich hoffe, diese Frage wird regelmäßig aktualisiert… Dann gibt es noch die berühmten verneinten Fragen mit unterstrichendem nicht in der Fragestellung, die meiner Meinung nur da sind, um den Menschen zu verwirren. Gar nicht nett. Dann geht es da um Dinge, die eigentlich kein Mensch wissen muss, wie die 59: Welche Parteien wurden in Deutschland 2007 zur Partei “Die Linke”? Oder wie 298: In der DDR lebten vor Allem Migranten aus… Die verstehe ich nun wirklich nicht.
Natürlich der absolute Renner: Abkürzungsfragen. Am lustigsten sind die Antwortmöglichkeiten für 76 und 92, CDU und CSU: Club Deutscher Unternehmer und Christlich Süddeutsche Union. Warum so ehrlich, lieber Bund? Ich hätte da auch noch ein paar Vorschläge… Dann bei Frage 95 der Vorschlag, die Schweigepflicht für Kinder einzuführen. Ich wusste gar nicht, dass die Familienministerin auch bei den Fragen mitgeholfen hat… Dann kommen pflichtbewusste 14 Hitlerfragen, bis wir zum zentralen Punkt kommen. Frage 264: Bei welchem Fest tragen Menschen in Deutschland bunte Kostüme und Masken? Diese Frage ist wirklich unentbehrlich, das sehe ich ein. Und nein, das ist keine Politikfrage.
So. Das war ein kleiner Überblick. Man kann ja über den Test denken, was man will, aber eins ist sicher. An das immer wieder gern zitierte “Wir Deutschen sterben aus”-Problem hat beim Erstellen dieses Tests sicher keiner gedacht. Ich bin ja der Meinung, wenn so ein Test schon sein muss, sollte er eher vor den Wahlen an Wähler verteilt werden, als an solche, die den deutschen Pass haben wollen, aber das ist wohl eine andere Geschichte.
Schlagworte: deutschland, einbürgerungstest, staatbürgerschaft
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August 16, 2008 by silverblick
Im Konflikt um Südossetien hat Russland einen Waffenstillstand unterzeichnet. Klingt erstmal nicht so schlecht – vor Allem weil sie diesmal daran gedacht haben, Medwedew machen zu lassen und nicht Putin (es ist aber auch schwer sich zu merken, dass der nicht mehr Präsident ist – insbesondere für ihn selbst). Und George W. Bush lässt sich von der Olympiade ablenken, um zu sagen, bei der Waffenruhe handele es sich um einen “vielversprechenden Schritt”.
Wer sich der guten Stimmung jedoch nicht anschließen will, sind die Georgier. Komisch. Dabei hat sich die Welt doch sooo sehr eingesetzt für sie. Laut Spiegel Online ist die russische Regierung allerdings nur bedingt engagiert mit dem “Sechs-Punkte-Plan” (ich verkneife mir mal ein paar unangebrachte Kommentare zu Plänen, Zahlen und der russischen Regierung des frühen 20. Jahrhunderts
). Bis jetzt wurden nämlich noch keine Truppen abgezogen, die Plünderungen gehen also weiter. Naja – die Waffen stehen ja still, zum Plündern braucht man schließlich freie Hände.
Im Artikel steht auch, es soll eine Brücke soll gesprengt worden sein. Das zeigt auch wieder, das “Waffenruhe” hier etwas zu wörtlich genommen wurde. Frei nach dem Motto: Der Sprengstoff ruhte doch – Was kann ich dafür, wenn er explodiert?
Aber wahrscheinlich muss man nur ein bisschen Geduld haben. Vielleicht will die russische Regierung sich ja wirklich an den Plan halten. Möglicherweise steht man nur eben im Kreml vor dem Sechs-Punkte-Plan wie vor einer vollen Pralinenschachtel und kann sich einfach nicht entscheiden, welchen Punkt man zuerst in Angriff nehmen soll – Verdammte Vielfalt!
Schlagworte: georgien, konflikt, russland, südossetien, sechs-punkte-plan, waffenruhe, waffenstillstand
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Juli 23, 2008 by silverblick
Wieder einmal wurden in den USA Regierungsbeamte zu den Machtmissbräuchen in der Justiz der laufenden Administration befragt. Das ist immer ein Highlight der Fernsehunterhaltung für jeden Zyniker und auch für Kleinkriminelle, die sich eventuell auf ein bevorstehendes Verhör vorbereiten wollen. Wirklich erfahren tut man nicht besonders viel.
Es ging um sehr unterschiedliche Themen, unter anderem auch um Verhörmethoden gegen die Vorschriften. Die Beamten, die sich von vornherein weigerten auszusagen, waren wahrscheinlich noch die ehrlichsten im Stall. Denn jene, die aussagten, hatten nicht wirklich vor, etwas Brauchbares von sich zu geben. Überraschenderweise wurden wieder einmal die Grenzen des menschlichen Geistes vorgeschoben. Sätze wie “Daran kann ich mich nicht erinnern”, “Das ist doch schon so lange her”, “Ich habe mit diesem Thema so viel zu tun gehabt, ich weiß nicht mehr, was genau ich da gemacht habe” usw waren en masse zu hören.
Als das selbst den Befragten etwas albern vorkam, wurden die Ausreden interessanter. Mein persönlicher Lieblingsspruch stammt hier von David Addington: “I can’t talk to you, Al-Qaeda may watch C-Span (= Sender, auf dem das übertragen wurde).” Der ist doch schön oder?
Doch das waren eigentlich nur die Vorläufer. Es wurde nämlich noch ein illustrer Gast erwartet: John Ashcroft, US Attorney General (quasi Justizminister) von 2000 bis 2004. Der müsste ja eigentlich ziemlich ziemlich viel zu sagen haben, oder? Richtig: “Any statement I did or did not make or would or would not make in a classified setting I would not comment on.” (Zu Deutsch in etwa: Kräht der Hahn auf dem Mist ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.) Man merkt also schon, dass hier der Vorgesetzte spricht, und zwar anhand der Menge an Unsinn, den er einem, nun, vorsetzt. Am allerbesten gefiel mir allerdings dieser Satz (auch von Ashcroft):
“I must admit that it’s been difficult sometimes for me to distinguish what I in fact recall as a matter of my own experience and what I remember from the accounts of others.” Also mein Gedächtnis ist nicht das beste, aber für gewöhnlich kann ich auseinander halten, was ich gemacht habe und was andere mir erzählt haben. Aber ich denke, ich kann da weiter helfen. Die Erinnerung, wo Sie mit letzter Kraft einen goldenen Ring in die Feuer des Schicksalsbergs warfen, das waren Sie nicht. Das müssen Sie irgendwo gelesen haben. Und die Erinnerung, wo Sie verhört wurden und zwar mit einem Elektroschocker, das waren Sie auch nicht. Die Erinnerung, wo Sie die Anweisung dazu unterschrieben haben, das könnten Sie eventuell gewesen sein. Wenn nicht irgendein dummer Praktikant den Kopierer mit dem Aktenvernichter verwechselt hätte, wäre das vielleicht auch noch nachprüfbar…
Doch Scherz beiseite. Was diese Befragungen aussagen ist ja irgendwie, dass es sich um einen ziemlich dicken Hund handeln muss, den sie da in der Röhre haben. Schließlich haben hier reihenweise Regierungsbeamte freiwillig ihre mentalen Unzulänglichkeiten vorgeschoben – das machen sie sicher nicht aus Spaß. Naja, aber lieber senil als vorschriftswidrig, nicht wahr? Schade ist bloß, dass Kleinkriminelle aus diesen Befragungen nur wenig lernen können, weil diese mit solchen Antworten nicht weit kommen würden.
PS: Keine Angst, ich bin mit dem Konzept der Immunität vertraut – man muss mich da nicht so ernst nehmen (reine Vorsorge meinerseits
).
Schlagworte: attorney general, befragung, david addington, john ashcroft, justiz, usa, verhörmethoden
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Juni 20, 2008 by silverblick
Die Häftlinge in Guantanamo, die dort “indefinitely” (für unbestimmte Zeit also) gefangen sind, haben das Recht, ihre Gefangenschaft vor einem Richter anzufechten. Das hat der US-Amerikanische Obergerichtshof entschieden, und zwar letzte Woche Freitag. Das Habeas-Corpus-Recht, dass die USA 2006 für (kurz gesagt) Kriegsrechtverstößlinge abgeschafft hatten, gibt es nun wieder. Und schon häufen sich Statements erregter Bürger (= Journalisten und Politiker), die es fürchterlich finden, “den Terroristen” so viele Rechte zuzugestehen. Dass die Idee ursprünglich vermutlich einmal war, auf diese Weise die Schuldigen von den Unschuldigen zu trennen und eine die Abschaffung eines Menschenrechtes rückgängig zu machen, die in vielen Staaten (auch in den USA) verfassungswidrig war, ist eine andere Frage.
Auf FOX-News erklärte Steve Doocy, Journalist, den Sachverhalt folgendermaßen: Gefangene können, Zitat, “wind up with habeas corpus where they get legal rights and stuff like that”, Zitat Ende. So, was soll ich sagen. Wie arrogant muss man denn sein, um einen Satz auszusprechen wie “die Häftlinge haben also Anspruch auf Recht und son Kram”.
Andere wirklich (wirklich) dumme Kommentare ließen auch nicht auf sich warten. Aussagen wie “Alkaida have more rights than a poor Mexican landscaper” (Charles Krauthammer) und “We’ve given Alkaida more rights than nazis” (Senator Lindsey Grahahm) flattern in diesen Tagen durch die Medien. Ich weiß nicht, ob man gleichtzeitig den Arsch offen und den Kopf in den Wolken haben kann, aber das kommt dem ziemlich nahe. Um es optimistisch zu formulieren: Die Herren sind in jedem Fall sehr “gelenkig”.
Schlagworte: charles krauthammer, guantanamo, habeas corpus, legal right, lindsey graham, steve doocy, supreme court, usa
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Juni 20, 2008 by silverblick
Endlich kann es weitergehen. 2008 ist sein Jahr, das Jahr des Noch-Präsidenten der USA. Zu Sylvester muss er seine Vorsätze wiedergefunden haben, und sieben Monate reichen ja auch völlig, um die Welt zu retten. Ich meine, in acht Jahren etwas zu erreichen, das kann doch jeder. Aber sieben Jahre herumplänkeln und Mist bauen und dann in den letzten Monaten alles umkrempeln – das ist doch Anspruchsdenken.
Mister President hat nämlich verlauten lassen, er wolle noch in seiner Amtszeit Bin Laden aufspüren. Warum nicht? Irgendwo muss der Mensch ja sein. Und das sagte er also, nachdem er vor zehn Tagen verkündete, er wolle noch während er im Amt ist für eine Einigung über den Klimawandel sorgen. In diesem Bereich hat er sich bisher ja sehr flexibel gezeigt, das dürfte also kein Problem sein. Diese Ankündigung schloss mit den Worten “Just so you know”, was der Ansage etwa 75% an Ernsthaftigkeit nimmt. Und schließlich hat er zusätzlich Anfang diesen Jahres erst versprochen, noch während seiner Präsidentschaft einen Friedensvertrag im Mittleren Osten zu erreichen.
Zum ersten Mal kann ich mich mit dem Präsidenten identifizieren: Am Anfang des Semester sitzt man entspannt in seinen Seminaren und auf einmal, so gegen Ende, muss man drei Hausarbeiten schreiben innerhalb von ein paar Wochen… Wie schön, dass das in der Weltpolitik genauso funktioniert.
Schlagworte: bin laden, george w. bush, größenwahn, klimawandel, us-präsident, usa, weltretter
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Juni 8, 2008 by silverblick
Manchmal, wenn man einen Verwaltungstext (egal von welcher Behörde) liest, bekommt man ja schlicht die Krätze von den schwirbeligen und schwurbeligen Deutsch, das man da entziffern muss. Entweder, der geschätzte Leser versteht kein Wort. Oder er muss sich schlicht durch Berge von Papier hindurchlesen, um hinterher festzustellen, dass das alles auch auf eine halbe Seite gepasst hätte. Oft genug drängt sich auch das Wort “Unsinn” auf, wie in diesem poetischen Meisterwerk der Deutschen Post:
“Der Wertsack ist ein Beutel, der aufgrund seiner besonderen Verwendung nicht Wertbeutel, sondern Wertsack genannt wird, weil sein Inhalt aus meheren Wertbeuteln besteht, die in den Wertsack nicht verbeutelt, sondern versackt werden.“
So ist das nämlich. Wer sich allerdings beim Anblick solcher Papierverschwendung in frühere, einfachere Zeiten zurückwünscht, muss sich leider sehr, sehr weit zurückwünschen. Ein paar hundert Jahre reichen da nicht. Mir ist nämlich heute Folgendes begegnet: Ein Nürnberger Ratsbeschluss aus dem Jahre 1524 (wem passiert das nicht hin und wieder
). Und hier ist er. Eine kleine Warnung vorweg: Er ist leider in aus heutiger Sicht fürchterlichem Deutsch und zu Allem Überfluss noch in 500 Jahre altem Fränkisch verfasst (So kann ich gleich einem Einblick in meine – gezwungermaßen – Sonntagvormittagsbeschäftigungen bieten…)
“Herrn Bernhart Sammat auf sein antwurt und bekandtnus, das er gesagt, er schiß in die neuen ordnung der meß, von rats wegen ain strafliche red sagen, das ein rat des ein merklich mißfallen von ihm hab, hett ine als ein priester fur weyser gehalten, darum soll er sich hinfuro dergleichen ungeschickten reden enthalten oder er werd ein rat bewegen, ir mißfallen gegen im zu erzaigen.“
Eine interessante Veranlassung, ein offizieller erhobener Zeigfinger sozusagen. Das Beamtendeutsche daran? Naja, die Aussage, “ich scheiße auf die neuen Verordnungen” als “ungeschickte Reden” zu bezeichnen… Sagen wir, das ist eine etwas eigentümliche Interpretation. Dabei hätten sie ja einfach schreiben können, der Gute soll sich vom Acker machen, wenn’s ihm nicht passt
Oder um in damaligen Zungen zu sprechen: Er soll sich furderlich von hinnen thun und sein gelt anderßwo zern.
Schlagworte: beamtendeutsch, mittelhochdeutsch, verwaltungsdeutsch
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Mai 24, 2008 by silverblick
Kaum ist der sogenannte Armutsbericht draußen, schon werden Stimmen laut, die ihn relativieren. Und das kommt von ganz überraschender Seite (ungefähr so überraschend wie Hasen zu Ostern): Von der CDU und dem Institut für Wirtschaftsforschung. Direkt aus dem Volk quasi.
Was die CDU in Person von Ronald Pofalla angeht, so distanziert sie (bzw. er
) sich erst einmal von dem Bericht. Der basiere ja auf Zahlen von 2005, zeigt also die Untaten der Rot-Grün-Regierung auf. Naja, ich bin ja der Ansicht, nicht einmal Gerhard Schröder kriegt das Land in 7 Jahren allein so arm, wie es der Bericht behauptet. Überschätzt den armen Menschen nicht, da haben durchaus noch andere mitgeholfen als die damalige Regierung… Zitat Pofalla zumindest: “Es geht aufwärts.” Jep, aber sagen wir mal so: Ein Treppenabsatz ist noch kein Hochhaus. Außerdem geht es darum, ein Problem anzuerkennen und zu überlegen, was man dagegen tun kann, es geht nicht darum, wem man das Problem anhängen kann und zu sagen: Naaa, es passiert ja schon was.
Da kommt auch ifo-Chef Werner Sinn ins Spiel: Die Menschen sind ja gar nicht so arm. “Kaum jemand, der sich in Deutschland legal aufhält ist arm”, schrieb er in einem Beitrag. Schon mal U-Bahn gefahren? Naja, ich will ihm ja jetzt auch kein abgehobenes, zynisches Snobtum vorwerfen (wobei “will” vielleicht nicht das richtige Wort ist). Jedenfalls ist er der Ansicht, der Report sei falsch. Und zwar weil dort die von Armut gefährdeten als Arme mit hinein gezählt wurden (Ja, er liebt die Gefahr). Nach amtlicher Definition seien nur etwa 4 Prozent der Deutschen arm.
Oh, wie schön man am Problem vorbeischwafeln kann. Von Armut gefährdet, das betrifft doch immernoch Leute, denen es finanziell schlecht geht. Es geht hier nicht um ein Armutsrisiko nach dem Motto: Wenn mein Haus abbrennt, mein Butler mit meiner Familie in meinem Auto durchbrennt, der Euro auf einmal wertlos ist und die Schweiz explodiert, dann, dann bin ich arm.
Und ist es nicht eigentlich völlig egal, wer nach amtlicher Definition arm ist und wer sich nur von Weitem schon mal mit dem Hungertuch anfreundet? Was die Herren die ganze Zeit versuchen, nicht zu sagen, ist: Wir haben ein Problem und keine Ahnung, wie wir es lösen können.
Schlagworte: armut, armutsbericht, cdu, deutschland, ifo, ronald pofalla, werner sinn
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Mai 22, 2008 by silverblick
Bundespräsident Horst Köhler – noch so einer, der im Moment um die Gunst des Volkes wirbt. Und zwar mit schwammigen, wenn nicht gar sumpfigen Formulierungen. Ihr habt es sicher gemerkt, hier kommt wiedermal eine kurze Zerpflückung von politischem Gefloskel…
Köhler sagte, er werde den “Weg des Wandels und der Bewahrung” weiterbeschreiten. Ja, mit dem Spruch ist er wohl auf der sicheren Seite – denn wenn man zwei gegensätzliche Ziele angibt, kann man kaum lügen. Wir können ihm hier also recht geben: Irgendwas von beidem wird wahrscheinlich passieren. Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie’s ist. (Womit ich nicht sagen will, dass der Ausspruch Köhlers Bauernregelcharakter hat. Oder etwa doch? Man weiß es nicht.)
Vielleicht meint er ja auch: Das Ziel ist die Bewahrung, das Mittel der Wandel. Nach dem Motto, wenn sich die Vernunft zweimal im Grabe umdreht, liegt sie ja wieder richtig herum. Oder es ist eher eine nostradameske (?) Voraussage: Ein bisschen was wird sich ändern, andere Dinge bleiben wie sie sind. Klingt plausibel, wenn ihr mich fragt.
Schlagworte: bewahrung, bundespräsident, gerede, horst köhler, wahlkampf, wandel
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Mai 20, 2008 by silverblick
Ich habe heute eine Schlagzeile bei n-tv gesehen, die mir absolut widerlich vorkam. Wie man drüben sagt: “I threw up into my own mouth”. Doch urteilt selbst.
Ted Kennedy hatte neulich einen epileptischen Anfall und wurde daraufhin in ein Krankenhaus eingewiesen. Dort stellte man leider fest, dass Senator Kennedy einen bösartigen Hirntumor hat. Bei n-tv heißt das dann folgendermaßen: “Dennoch guter Dinge: Kennedy hat Hirntumor“. Im Ernst, ich finde das mehr als unsensibel (um nicht das Wort widerlich noch einmal zu verwenden) von den Herren und Damen n-tv. Ganz abgesehen von der Tatsache, das ich “Tumor” und “gut” niemals in einem Atemzug nennen würde – “dennoch guter Dinge”? Man kann ja nur hoffen, der Journalist meint, Ted Kennedy sie guter Dinge und nicht er selbst. Mir ist schon klar, dass es so nicht gemeint ist, aber man kann den Satz durchaus anders lesen:
1. Ihm geht’s zwar dreckig, aber mein Tag war eigentlich ganz nett.
2. Er ist schwer krank, lasst euch aber nicht die Laune versauen, ihm hat es auch nicht die Laune versaut.
Ein kleiner Appell meinerseits also: Bitte Leute, lest doch lieber noch einmal, was ihr geschrieben habt. So was muss doch wirklich nicht sein.
Schlagworte: journalismus, ted kennedy, usa, widerlich, zynisch
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