Stoiber holt die Leitkultur aus der Vitrine

By silverblick

Der bald-ehemalige CSU-Chef Edmund Stoiber kritisierte heute in einem Interview mit der Bild-Zeitung seine Kollegen von der CDU. Die Partei sei nicht konservativ genug. Er erwähnte die Familienpolitik und bezeichnete bei der Gelegenheit Frau “Teilzeitehe” Pauli als Hippie. Darüber hinaus sprach er sich für eine entschiedenere Auseinandersetzung mit dem Islam aus. Als wäre es nicht schon schlimm genug, den Islam wieder einmal wie ein Übel oder ein Problem darzustellen, dem man sich stellen muss, anstatt ihn wie eine der größten (keine Wertung) Weltreligionen zu sehen. Er nutzte die günstige Gelegenheit um mit dem politischen Staubwedel den Begriff der Leitkultur freizulegen. Zitat:

“Es gibt eine in Jahrhunderten gewachsene Leitkultur in Deutschland. Also: bei aller Toleranz: Kathedralen müssen größer sein als Moscheen.”

Ich spare mir Bemerkungen darüber, wie in den letzten Jahrhunderten, vor allem in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, die Leitkultur in Deutschland gewachsen ist. Man kann nämlich auch so einen “kleinen” Knacks im Gedankengefüge entdecken, wenn man gaaaaanz genau hinschaut. Wenn die Leitkultur gewachsen ist, über Jahrhunderte meinetwegen, hört sie dann auf zu wachsen, weil Edmund Stoiber sich ihr in den Weg stellt? Sie wächst eben immer noch, wie übrigens auch die Moscheen. Ja, denn, oh Wunder, das ist nicht das erste Mal, dass dieses Land von “außerhalb” beeinflusst wird. Als noch vor ein paar hundert Jahren die deutsche “Regierung” französisch sprach zum Beispiel. So läuft das eben, Monsieur Stoiber. Alles wächst. Obwohl ja auch “Kultur” an sich so ein besonders deutsches Wort ist, aus dem Althochdeutschen, nicht wahr?

Hinzu kommt die äußert unpassende Metapher “Kathedralen müssen größer sein als Moscheen”. Ich nenne es jetzt Metapher, da ich nicht annehme, dass Herr Stoiber sich demnächst als Baumeister profilieren will. Dieser Satz von Stoiber schreit förmlich nach der Antwort: Es kommt nicht immer nur auf die Größe an. Aber so einfach machen wir es uns heute nicht. Denn dieser Satz weckt andere Assoziationen. Wie wäre es mit: Lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reicht. (Genesis, Kapitel11) Der Turm zu Babel – auch ein Aspekt der Leitkultur, oder nicht?

Was dann passierte, ist ja bekannt. Der Herr fuhr hernieder usw. Vielleicht ist es doch nicht gut, wenn die Kathedralen so hoch sind. Das ist wohl doch keine so… was hieß das C in CSU nochmal… ahja, “christliche” Idee.

Zum Abschluss dieser Überlegungen erheben wir unser Glas auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit und stellen die Leitkultur zurück in die Vitrine und schließen doppelt und dreifach ab.

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2 Antworten zu “Stoiber holt die Leitkultur aus der Vitrine”

  1. home42 sagt:

    Nun ja, vielleicht meint Herr Stoiber seine eigenen ansichten, die Jahrhunderte alt sind.
    Ansonsten frage ich mich, ob man “Leitkultur” nicht sowieso mit “d” in der Mitte schreiben müsste.

    Ein herzliches Prost noch!

  2. silverblick sagt:

    Danke.
    Ich frage mich auch manchmal, wie manche Leute so viele widersprüchliche Prinzipien in einem Kopf unterbringen können: Einerseits Lei(d)tkultur (vielleicht kann man sich auf “dt” einigen), andererseits das ständige Bestehen auf sogenannte christliche Werte.
    Herzliche Grüße!

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